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Amalgam und Archipel

Die folgenden Gedanken zum multiethnischen, multireligiösen und multikulturellen Triest (Autor*innen: Birgit Kofler und Roland Bettschart) sind in der ersten Ausgabe der neuen „Triester Zeitung“ im Mai 2026 erschienen.

Vielfalt in der Einheit, das war in Triest ein städteplanerisches Motto der Habsburger während und nach der Regentschaft der österreichischen Kaiserin Maria Theresia: Gotteshäuser der unterschiedlichsten Religionen  und Konfessionen auf recht kleinem Raum, als Ausdruck eines gedeihlichen Miteinander der diversen Glaubensgemeinschaften und der jeweils dazugehörigen ethnischen Gruppen. Und alles zusammengehalten durch die Klammer des Habsburger Reiches.

Das kann man sich heute bei einem Stadtbummel recht schnell und einfach erschließen. Wer sich vom Molo Audace, der großen, zentralen Mole mit dem einmaligen Blick auf die Stadt und ihre Umgebung, in Richtung des Canal Grande und der Piazza Sant’Antonio begibt, stößt zunächst an der Uferpromenade auf die griechisch-orthodoxe Kirche San Nicolo dei Greci. Sie ist seit Mitte des 18. Jahrhunderts Treffpunkt und Kultstätte der damals stark wachsenden griechischen Ein-wanderung. Einige Schritte weiter, im Largo O. Panfili, steht das aus den 1870er Jahren stammende neugotische Gotteshaus der deutschsprachigen lutherischen Gemeinde. Direkt am Kanal, beim Ponte Rosso, thront die beeindruckende serbisch-orthodoxe Kirche Santissima Trinità e San Spiridione mit ihren blauen Kuppeln. Sie zeugt vom zunehmenden Zuzug von Migranten aus Serbien nach Triest im 18. Jahrhundert. Und schließlich dominiert die katholische, von der Architektur griechischer Tempel inspirierte Kirche Sant’Antonio Nuovo den gleichnamigen Platz.

Überquert man ein Stück weiter stadtauswärts die Verkehrsader Via Carducci, stößt man in der Via San Francesco auf die Triestiner Synagoge, bei ihrer Einweihung 1912 eines der größten jüdischen Bethäuser Europas. Der Spaziergang auf den Spuren von Religionen und Volksgruppen ließe sich lange fortsetzen. Zum Beispiel nach San Giusto und San Vito, wo die Anglikanische Gemeinde, die helvetisch-reformierten Christen und die Waldenser oder die Armenische Gemeinde ihre Kirchen hatten oder noch haben.

Alles in allem gut sichtbare architektonische Belege einer ethnischen, kulturellen und religiösen Vielfalt, wie sie für eine Handels- und Hafenstadt typisch ist. Ausdruck auch der enormen Anziehungskraft, die der Freihafen Triest auf Zuwanderer unterschiedlichster Ethnien und Glaubensbekenntnisse hatte – und auch des Bemühens, unter der Marke Habsburg Akzeptanz für Minderheiten und Einheit zu demonstrieren.

Auch wer bei einem Stadtspaziergang die Namen auf Geschäften, Straßenschildern oder Klingelbrettern studiert, findet in Triest nicht, wie sonst in Italien, Namen wie Rossi, Bianchi oder Ferrari, sondern auch Rittmeister, Tripcovich oder Economo. Und wer in einem der für die Stadt typischen Buffets oder Traditionsgasthäuser echte Triestiner Küche genießen will, begegnet dort unter anderem einer Fischküche mit venezianischen, istrianischen und dalmatinischen Ursprüngen, der Fleisch- und Mehlspeisenküche Österreichs, Ungarns und Böhmens, sowie anderen Spezialitäten, von der schlichten slowenischen Karstküche bis hin zu Riso Greco.

Die ehemalige Handels- und Hafenmetropole, die bis zum Ersten Weltkrieg der wichtigste Zugang der 50-Millionen-Habsburgermonarchie zur Adria war, war – und ist bis heute – ein höchst vielfältiges ethnisches, kulturelles und religiöses Biotop. Kaum eine Beschreibung der Stadt kommt ohne Zuschreibungen wie „Schnittstelle der Kulturen“ oder „Zusammentreffen von Religionen und Nationen“ aus. Das suggeriert auch das Bild des intensiven Austausches zwischen Minderheiten oder der ethnischen und kulturellen Integration.

Ob allerdings Triest tatsächlich als Referenzprojekt für gelungene Multikulturalität taugt und ob es tatsächlich zum gerne zitierten „Schmelztiegel“ wurde, oder ob hier vielmehr ein Nebeneinander von Bevölkerungsgruppen ohne allzu intensive Berührungspunkte zu diagnostizieren ist, das ist immer wieder Gegenstand engagiert geführter Diskussionen. „Triest war gleichzeitig ein Amalgam verschiedener ethnischer Gruppen… und ein Archipel, in dem diese Gruppen isoliert nebeneinander existierten“, schreiben dazu der bekannte Triestiner Literaturexperte

„Neben der gegenseitigen Durchdringung im Kleinen und dem alltäglichen Miteinander lebten die verschiedenen Gruppen auch in gegenseitiger misstrauischer Ignorierung.“

Claudio Magris und der Historiker Angelo Ara in ihrem Buch Triest – Eine literarische Hauptstadt in Mitteleuropa.

Ein Zitat, das sich wohl in erster Linie auf das Triest des späteren 19. und früheren 20. Jahrhunderts bezieht: ein Triest, in dem Platz für all diese religiösen und ethnischen Gruppen war, ohne dass sie allzu sehr zusammenwuchsen. Ein sehr eindeutiger Befund, der auch für die Zeit danach Gültigkeit hat. In den vergangenen rund 150 Jahren ist in Triest sehr viel passiert, darunter Dramatisches und Trau-matisierendes, das ein gedeihliches Miteinander oder sogar Aufeinander-Zugehen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen auf gleich mehrere schwere Proben stellte.

Da waren zunächst einmal die sogenannten Irredentisten

Nachdem Triest nicht am Risorgimento, der nationalistischen „Wiedererstehung“ im 19. Jahrhundert teilgenommen hatte und somit nicht Teil Italiens wurde, wollten die Irredentisten ab den 1880er Jahren die angeblich unerlösten Gebiete, also auch Triest, dem vereinten Italien einverleiben. Ein Ansinnen mit hohem Spaltungspotenzial in der ethnisch vielfältigen Triestiner Gesellschaft, die sich über weiteste Strecken in der Habsburger Donaumonarchie gut aufgehoben fühlte. Viele, vor allem ältere Triestiner hegen heute noch einen tiefen Groll gegen diese Spielart des Nationalismus.

Dann die disruptive Veränderung nach dem vom Habsburger Reich verlorenen Ersten Weltkrieg

Triest wird Italien zugeschlagen und der nachfolgende Bedeutungsverlust als Hafen- und Handelsstadt führt zu erheblichen Problemen und Spannungen. 1922 übernehmen die Faschisten unter Benito Mussolini in Italien die Macht. In Triest kommt es zu massiven Repressalien gegen die slowenische Minderheit, slowenische und deutsche Familien- und Ortsnamen werden italianisiert, slowenische Kultureinrichtungen geschlossen, slowenische Intellektuelle verfolgt. Und Mussolini wählt ausgerechnet Triest, die Stadt mit einer der größten jüdischen Gemeinden Italiens, um 1938 auf der Piazza dell’Unità d’Italia seine Rassengesetze zu verkünden. Sie gehören zu diesem Zeitpunkt zu den rabiatesten antisemitischen Regelungen außerhalb von Deutschland. Ein monoethnisches, monokulturelles Italien ist das Ziel.

1943 annektiert das nationalsozialistische Deutschland de facto Triest als „Operationszone Adriatisches Küstenland“. Das Anhalte-, Konzentrations- und Vernichtungslager Risiera San Sabba unweit des Stadtzentrums ist ein erschütterndes Mahnmal für die Verfolgung, Verschleppung und Ermordung von politischen Gegnern, Partisanen, Juden und anderen, die nicht in die arischen Allmachtsphantasien passen.

Am 1. Mai 1945 marschieren die jugoslawischen Partisanen in Triest ein und kontrollieren die Stadt 40 Tage lang. Harte Vergeltungsmaßnahmen gegen tatsächliche und vermeintliche NS-Kollaborateure verbreiten Angst und Schrecken. Das alles hat einmal mehr eine ethnische Komponente: „Italiener“ gegen „Slawen“. Racheaktionen bestanden auch darin, Widersacher tot oder lebendig in den tiefen Felsspalten des Karstes, den Foibe, zum Verschwinden zu bringen. Davor hatten schon Faschisten und Nazi-Besatzer die berüchtigten Schluchten für die grausame Ermordung politischer Gegner benutzt. Lange bleibt der Status von Triest ungeklärt, ist nicht klar, ob es Teil Jugoslawiens oder Italiens werden soll.

All das sind Narben einer komplizierten und belastenden jüngeren Geschichte, von der sich Triest zum Teil bis heute nicht restlos erholt hat. Traumatisierungen, die wohl den Weg der ethnischen Minderheiten zueinander eher blockierten als förderten, und zu sich verhärtenden Ressentiments beigetragen haben. Natürlich verblassen derartige Vorkommnisse zunehmend im Bewusstsein der jüngeren Generationen, und an die historischen Verwerfungen erinnern heute in erster Linie Mahnmale und Museen.

Die „Perle an der Adria“ verdient diesen Ehrentitel seit einigen Jahren mehr denn je, auch weil Triest bunter, jünger und – nach vielen Jahrzehnten der Vernachlässigung – touristisch immer besser erschlossen wird. Triest ist heute wieder eine Stadt, für die Zuwanderung eine wichtige Rolle spielt – auch wenn die aktuelle Stadtverwaltung gerne die ausländerfeindliche Karte spielt. Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung sind Migranten, wobei die größten Gruppen Serben und Rumänen ausmachen. Zu den Sakralbauten aus der Zeit der k. und k. Monarchie kommen heute muslimische Gebetsraume, ein buddhistisches oder ein hinduistisches Zentrum.

Internationalisierung erlebt die Stadt auch über die verschiedenen großen Forschungseinrichtungen – und nicht zuletzt über die wachsende Zahl von österreichischen oder deutschen Neo-Triestinern, die sich Immobilien anschaffen, um hauptsächlich oder zumindest einen Teil ihrer Zeit in der Adriametropole zu leben.

Triest hat im Wesentlichen zu einer konfliktfreien Normalität zwischen den Minderheiten zurückgefunden. Das ist ein sehr positiver Befund. Aber wer einen Schmelztiegel mit viel Multikulturalität sucht, tut das wohl vergeblich.