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Von falschen Artikeln und Lieblingsplätzen

Die echten Triest-Profis unter den Zugreisten und Besucher*innen erkennt man unter anderem daran, wie sie es mit den Artikeln halten – zum Beispiel in Bezug auf Viale und Barcola. Ein augenzwinkernder Blick auf zwei populäre Triestiner Orte.

Der Viale

„Die Viale XX Settembre“ oder womöglich gar „die Via XX Settembre“ – für Triestiner Ohren klingt das wie eine falsch gespielter Note beim Konzert. Sag niemals die zu ihm, denn es ist ganz klar der Viale XX Settembre. Oder für Triest-Profis ganz einfach überhaupt nur der Viale – und alle wissen Bescheid, dass es um die populäre Platanenallee geht, die, über weite Strecken als Fußgängerzone, parallel zur Via Battisti verläuft. 

Der Viale war schon vor vielen Jahren – und ist es nach wie vor – eine beliebte Flaniermeile von Triest. Wo die Muleria, die Jugendlichen, und die älteren Damen auf ein Eis gehen, wo Hundebesitzer*innen und ihre Vierbeiner bei Hitze ein bisschen Schatten genießen, wo es zwar auch immer mehr Tourist*innen gibt – aber doch deutlich weniger als in der Cavana-Gegend oder dem ehemaligen „Ghetto“.  Ursprünglich hieß der Viale übrigens die Via dell’Acquedotto. Weil sie über dem alten Aquädukt verläuft, eröffnet wurde sie 1808. Ihren gesellschaftlichen Aufstieg verdankt die Straße Graf Domenico Rossetti, der der Stadt ein Grundstück mit Garten und Baumreihe überließ, das den Kern des heutigen Boulevards bildete. Schon bald wurde dieser zu einem der beliebtesten Treffpunkte der Triestiner*innen, mit Cafés, Bierstuben, Tanzlokalen und Theatern. Zum heutigen Namen Viale XX Settembre kam es nach dem Ersten Weltkrieg, als Triest zu Italien kam.  Er erinnert an den 20. September 1870, den Tag der Eroberung Roms und der „Vollendung der italienischen Einheit“. Mit Triest selbst hat das Datum also historisch nicht wirklich zu tun, das sich der Einigungsbewegung zunächst entzog und wo die Irredentisten, die für den Anschluss der „unerlösten“ Gebiete zu Italien warben, umso intensiver lobbyierten.

Populär ist der Viale bis heute aus denselben Gründen wie damals: platanenbeschattet, großteils Fußgängerzone, gesäumt von Cafés und Eisgeschäften. Hier hält man gerne einmal inne – vom Frühstück bis zur Aperitivo-Zeit. Übrigens findet sich hier auch das Cinema Ambasciatori in einem Jugendstil-Palazzo.

Barcola

Auch ein anderer häufig falsch eingesetzter Artikel betrifft einen Lieblingsort der Triestiner*innen – nämlich Barcola. Sag niemals die Barcola, wenn du als Triest-Profi gelten willst – die Wiederholung durch viele Deutschsprachige macht es nicht richtiger.  Die Barcola gibt es nämlich nicht. Es ist entweder Barcola ohne Artikel – das meint den wunderbaren Stadtteil am Meer vom Ende des Alten Hafens bis zum Bivio Miramare. Oder es ist die Strandpromenade gemeint, die sich vom Porticciolo di Barcola, vorbei an der Pineta – dem populären schattigen Pinienwäldchen von Barcola – über mehrere Kilometer auch bis zum Bivio erstreckt. Dann ist es der Lungomare. So, nachdem das einmal geklärt wäre, noch ein bisschen zu Geschichte und Gegenwart von Barcola und dem Lungomare.

Schon die Römer wussten, warum es hier angenehm ist. Barcola – im Altertum Vallicula genannt – liegt windgeschützt und war entsprechend beliebt, hier gab es Villen und Thermen. Im heutigen Hotel Maria Theresa sind beim Bau römische Überreste zutage gefördert worden. Im 19. Jahrhundert entstanden herrschaftliche Häuser des Triestiner Bürgertums, einige stehen noch entlang des Viale Miramare.

Sein heutiges Gesicht bekamen weite Teile des Lungomare in den 1930er-Jahren mit dem Bau der „Topolini“: zehn halbrunde Terrassenpaare, unterhalb der Straße angelegt, damit die Aussicht auf den Golf nicht verbaut wird. Ihren Namen verdanken sie ihrer Form – von oben betrachtet erinnern die gepaarten Halbrunde an die Ohren von Micky Maus, der in Italien eben Topolino heißt – Mäuschen.

Unter den Terrassen liegen Umkleiden, Duschen und Toiletten, praktische Treppen erleichtern den Zugang zum Meer, bewacht wird alles von Bademeistern, allerdings nur in der Saison von Anfang/Mitte Juni bis Mitte September – und das alles kostenlos. Seit 2021 tragen die zehn Topolini übrigens auch Namen berühmter Triestiner*innen.

Was den Lungomare bis heute ausmacht: Er ist öffentlich zugänglich, keine Eintrittspreise, keine hochpreisigen Sonnenliegen und -schirmchen. Auf den gut drei Kilometern zwischen Pineta und Bivio sind alle Altersgruppen, alle Berufe, alle sozialen Hintergründe vertreten. Und je nach Jahreszeit Schwimmer*innen und Sonnenanbeter*innen, Jogger*innen und Spaziergänger*innen und Aperitivo-Runden, die den Sonnenuntergang mit Blick auf Schloss Miramare genießen.