„Andemo al bagno“, sagen die Triestinerinnen und Triestiner, wenn sie eine ihrer liebsten Sommerbeschäftigungen beschreiben: Zeit am Meer verbringen, in einem der traditionsreichen Bäder der Stadt, am Lungomare in Barcola oder an einem der Badeplätze unterhalb der Costiera, etwa bei den Filtri.
Wir sprechen hier nicht von langen Sandstränden mit endlosen Reihen von Liegen und Schirmchen, wie man sie von anderen Adriaorten kennt. Die Rede ist von echten Triestiner Institutionen: Traditionsreiche Badeanstalten wie das Bagno Ferroviario, ursprünglich 1925 als Seebad für Eisenbahner-Familien gegründet, das Bagno Sticco bei Miramar oder das beliebte Familienbad Grignano 1. Oder mitten in der Stadt das Bagno Ausonia – 1934 eröffnet und bis heute in Betrieb – und das legendäre Pedocin, offiziell Stabilimento Balneare alla Lanterna, wo man für wenig Geld (1,20 Euro Eintritt) badet, Männern und Frauen durch eine Mauer getrennt.
Und dann ist da auch Barcola: der kilometerlange Lungomare zwischen Stadt und Miramare, der sich im Sommer in einen einzigen kostenlosen Strand verwandelt. Eines der Wahrzeichen sind die Topolini – zehn kleine, halbrunde Betonterrassen aus den 1930er-Jahren, die von oben tatsächlich ein bisschen wie die Ohren von Mickey Mouse aussehen, weshalb sie, so wird es erzählt, diesen Spitznamen bekommen haben. Dazu die Pineta, das Pinienwäldchen direkt am Meer im Herzen von Barcola, wo sich an heißen Tagen scheinbar die halbe Stadt trifft – zum kurzen Sprung ins Wasser nach der Arbeit, zum Kaffee oder Aperitivo im Schatten. Es gibt Duschen, Treppen-Einstiege, alles, was es braucht, um hier den ganzen Sommer zu verbringen, ohne einen Cent ausgeben zu müssen. Wo gibt es das sonst schon?
Es ist eine Liebe zu diesem ganz speziellen Triestiner Strandleben, die man rasch teilt, wenn man viel Zeit hier verbringt. Und genau diese Liebe wird mit steigenden Besucherzahlen auch zunehmend auf die Probe gestellt. Es sind gar nicht so sehr die zusätzlichen Menschenmengen, die für Unmut sorgen – es ist der fehlende Respekt von Touristinnen und Touristen vor Triestiner Eigenheiten, und wohl auch fehlendes Interesse dafür, sich damit auseinanderzusetzen. Diesen Sommer hat sich das an mehreren Vorfällen entzündet, samt entsprechendem Aufruhr in Lokal- und Sozialmedien.
Mauer-Streit im Pedocin
Da geriet etwa ein Touristenpaar aus Mailand im Pedocin mit Stammgästen aneinander. Sie hatten die beiden freundlich darauf hingewiesen, doch die Regel zu respektieren, die es hier seit über hundert Jahren gibt: Männer baden auf der einen, Frauen auf der anderen Seite der Mauer. Die Reaktion darauf war alles andere als verständnisvoll. Die Touristin explodierte, wetterte, dass hier „Mittelalter“ und Sexismus herrschen, es eskalierte bis zu einem Handgemenge. Am Ende verließ das Mailänder Paar aufgebracht das Bad.
Die Geschichte ging durch alle Lokalmedien und erreichte sogar die nationale und internationale Presse. Weniger, weil es so ein dramatischer Vorfall gewesen wäre, als vielmehr wegen des Symbolcharakters. Das Pedocin, 1903 noch zu Zeiten Österreich-Ungarns eröffnet, ist das wahrscheinlich letzte geschlechtergetrennte Strandbad Europas. Und es sind gerade die Triestinerinnen, die diese Trennung am energischsten verteidigen und weder als mittelalterlich noch als sexistisch empfinden. Im Gegenteil, für viele ist es ein Ort, an dem man ungestört baden und plaudern kann, ohne beobachtet und angemacht zu werden. Immer wieder gab es Vorstöße, die Mauer abzureißen. Doch die informelle Befragungen der Bevölkerung ergaben klare Mehrheiten dagegen, angeführt vor allem von den Frauen der Stadt. Seither hat sich daran nichts geändert, und wer sich als Paar treffen will, kann das ja im Wasser, jenseits der Bojen. Außerdem: Wem das alles nicht passt, dem stehen in Triest zahlreiche andere, gemischte Bäder offen – niemand muss ausgerechnet im Pedocin baden.
Dass die Regelung selbst höchst zufriedene Gäste hat, zeigen ganz nüchtern die Zahlen: In den Monaten Mai, Juni und Juli wurden heuer mehr als 106.000 Eintrittskarten verkauft – ein persönlicher Rekord für das Bad, und die Fortsetzung eines Trends, der schon seit ein paar Jahren anhält. Die Mehrheit der Gäste sind übrigens Frauen, was zeigt: Der viel diskutierte Mauer ist für die meisten, die hierherkommen, offenbar weniger Ärgernis als Anziehungspunkt.

Verkanntes Barcola
Wenige Wochen später war es eine Influencerin aus Süditalien, die für eine weitere Aufregung sorgte. In einem kurzen Reel zeigte sie die sommerlich belebte Promenade von Barcola – Handtücher an Handtücher, dicht gedrängte Menschen auf den Topolini – und kommentierte dazu überheblich: „Non ho parole, solo parolacce“ („Mir fehlen die Worte, ich hab nur Schimpfwörter dafür“). Das empörte viele Triestini über alle Maßen: Barcola ist kein x-beliebiger Strand, sondern so etwas wie das Freiluft-Wohnzimmer der ganzen Stadt, ein Ort, an dem sich alle Generationen treffen. Wer das ahnungslos als hässlich und chaotisch abtut, oder mit südlicheren Sandstränden vergleicht, hat schlicht nicht verstanden, worum es hier geht. Entsprechend heftig und deftig war auch so manche Empfehlung, wohin sich die Influencerin begeben sollte, wenn es ihr hier nicht gefällt.

Ärger über Rücksichtslosigkeit
Der Ärger über fehlenden Respekt und schlechtes Benehmen der Touristinnen und Touristen hat sich diesen Sommer nicht auf die Bäder beschränkt. Große Empörung gab es auch, als die Verwaltung von Schloss Miramare ein Foto veröffentlichte, das für sich sprach: eines der historischen Pflanzgefäße auf der Balustrade, bis obenhin vollgestopft mit Zigarettenstummeln, obendrauf noch eine leere Zigarettenschachtel. Im gesamten Park herrscht übrigens striktes Rauchverbot, unter anderem um die teils über 150 Jahre alten, seltenen Pflanzen zu schützen und Waldbrände zu vermeiden. Ein Verbot, das offenbar erstaunlich viele Besucher schlicht ignorieren. Die Aufregung in den sozialen Medien drehte sich denn auch nicht nur um die Forderung nach viel strengeren Kontrollen, sondern genauso sehr um die blanke Fassungslosigkeit darüber, wie sehr schlechtes Benehmen unter den Besucherinnen und Besuchern der Stadt verbreitet ist.

Genau dieses schlechte Benehmen ist auch der gemeinsame Nenner bei einem anderen Dauerthema, das Triest diesen Sommer einmal mehr beschäftigt hat: adäquate Kleidung. Immer wieder klagen Gastronomen darüber, dass zunehmend Gäste in Badekleidung, mit nacktem Oberkörper und völlig unpassenden Outfits an die Tresen und Kaffeehaustische drängen. Was früher eine Frage des Anstands war, die man einander eben zutraute, braucht in Triest inzwischen offenbar immer öfter Hausregeln der einzelnen Lokale – und neuerdings sogar gesetzliche Maßnahmen: Der Gemeinderat hat das Regolamento di Polizia Urbana im März 2026 entsprechend verschärft, erstmals mit einem expliziten Verbot, sich im historischen Zentrum abseits der Badezonen oben ohne oder ausschließlich in Badekleidung zu bewegen – mit Bußgeldern bis zu 500 Euro.
Diese kleine Auswahl einzelner kurios-ärgerlicher Episoden kann man mit „keine anderen Sorgen?“ kommentieren. Allerdings sind sie möglicherweise auch Vorboten eines Konflikts, den andere touristische Ziele längst kennen, etwa in Spanien, wo aus früherer Zufriedenheit über wachsenden Tourismus über die Jahre Ablehnung wurde. Triest ist davon weit entfernt, und Tourismus bringt der Stadt spürbar Leben, Umsatz, Jobs und Aufmerksamkeit. Aber es wird kluge, vorausschauende Maßnahmen seitens der Politik brauchen, damit aus Begeisterung nicht Überdruss wird, aus einer wirtschaftlich positiven Entwicklung nicht Overtourism – und damit die Gastfreundschaft nicht irgendwann kippt.
